Wenn die menschliche Stimme Kontakt zu den verborgenen Kräften der Natur sucht, entsteht oft eine Musik von eindringlicher und erschütternder Intensität. In der slawischen Folklore kennt man die uralte Tradition der Rusalka-Rituale, bei denen mittels Gesang die weiblichen Naturgeister besänftigt werden, die in den Wäldern und Feldern, Seen und Flüssen wohnen. Überlebt hat dieser archaische Brauch in einigen wenigen Dörfern der Ukraine – und wird nun durch den Frauenchor Kitka aus der San Francisco Bay Area nicht nur neu belebt, sondern gar in Theater-Setting auf die Bühne gebracht.
Das 1979 gegründete Ensemble hat sich von jeher auf den ausdrucksstarken, kehligen Gesang Osteuropas spezialisiert. 2005 brachen die Damen zu ihrer abenteuerlichsten Expedition auf, besuchten mit der renommierten Vokalistin und Schauspielerin Mariana Sadovska die entlegenen Regionen, in der die Rusalka-Wochen noch begangen werden. Eine Erfahrung, die die Chormitglieder emotional und physisch an ihre Grenzen brachte: Denn in das Hoheitsgebiet der verborgenen Geister ragt – ebenso unsichtbar – die Tschernobyl-Todeszone hinein. Selbst dort singen alte Frauen, die die verstrahlte Heimat nicht verlassen wollen, noch immer ihre Lieder.
Mit der Regisseurin Ellen Sebastian Chang haben Kitka ihre Reise zu einem einzigartigen Bühnenerlebnis geformt, das mit kraftvollen, intensiven, unheimlichen und geheimnisvollen Liedern die Pforten in ungeahnte Reiche öffnet. Mal fliegen die Stimmen in wildem und ungestümem Flügelschwung auf, mal ballt sich der Chor dunkel und beschwörend, um einem klagenden Solo Platz zu bereiten. Dann wieder nur verhaltenes Hauchen, wie eine ehrfürchtige Anrufung, gefolgt von Nackenhaar sträubenden, engen Intervallen, zu denen sich ein Fauchen, Grunzen oder Kreischen gesellt. Und schließlich ein verschlungen herabfallender Satzgesang in fremden Harmonien, der Schauer über den Rücken jagt.
Kitka-Sängerin Shira Cion: „Im Rusalka Cycle geht es um Verwandlung und die Kraft des Liedes, eine solche Verwandlung zu bewirken, in und zwischen Menschen, Kulturen und den Welten der Toten und Lebenden, des Sichtbaren und Unsichtbaren.“
Besetzung:
Caitlin Austin, Leslie Bonnett, Bridget Boyle, Shira Cion, Catherine Rose Crowther, Julie Graffagna, Janet Kutulas, Elizabeth Setzer
Sebastian Gramss, Elisabeth Fügemann: Violoncello
Peter Kahlenborn: Perkussion
Mariana Sadvoska: Komposition, musikalische Leitung
André Erlen: Szenische Einrichtung
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